Horchen auf die neue Avantgarde

 

Die Jeunesses Musicales Deutschland und das Institut für Musik der Fachhochschule Osnabrück veranstalteten gemeinsam vom 12.-14. Februar erstmals ein bundesweites Symposion der Kompositionspädagogik – eine umfassende Auseinandersetzung, auf die die Fachwelt lange gewartet hatte, und mit der wichtige neue Impulse für die bildungspolitische Debatte gesetzt wurden.

Das Symposion gab einen umfassenden Überblick über Kompositionsprojekte und -initiativen in Deutschland, über verschiedene Vermittlungsmodelle sowie die Arbeit der Hochschulen, wo Kompositionspädagogik eine noch vergleichsweise junge Disziplin ist. Den beiden Initiatoren, Philipp Vandré, Leiter der Kompositionsklasse der Stuttgarter Musikschule, und Benjamin Lang, Komponist und Pädagoge an der Fachhochschule Osnabrück, war es gelungen, namhafte Dozenten aus Praxis und Forschung zu gewinnen.

Drei Tage lang diskutierten Komponisten, Musiklehrer und Musikwissenschaftler aus dem gesamten Bundesgebiet intensiv über die Frage, wie Kinder an einen schöpferischen Umgang mit Klängen und Tönen herangeführt werden können: Was höre ich, wenn ich eine Minute lang auf das höre, was mich umgibt? – Das Knarzen einer Diele, das Quietschen der Straßenbahn, oder den Mixer in der Küche? Dieses aufmerksame Horchen und die Erfahrung, den Alltags-Klangraum durch selbst erzeugte Geräusche verändern und bereichern zu können, ist nur ein möglicher Ausgangspunkt für die kompositorische Arbeit mit Kindern, der auf dem Symposion vorgestellt wurde.

Ein anderer Ansatz vieler musikpädagogischer Projekte ist das sogenannte "Response-Prinzip". Peter Schatt von der Folkwang Universität Essen machten in seinem Vortrag deutlich, dass dabei offen gehalten sein sollte, in welcher Form Kinder und Jugendliche auf eine vorgestellte Komposition "antworten", einschließlich einer Erwiderung, der Möglichkeit, etwas ganz anders zu machen. Entscheidend sei, inspiriert von einer musikalischen Vorlage ein eigenes inhaltliches oder musikalisches Anliegen zu formulieren, das dann der Kristallisationspunkt einer neuen Klangidee sein kann.

Burkhard Friedrich, Komponist und Leiter des Hamburger "Klangradar 3000", nannte als ein Ziel seiner pädagogischen Arbeit in Schulen, Jugendliche dazu zu motivieren, losgelöst von bekannten Klangmustern "unerhört" neue musikalische Sphären zu erobern – eine Kostprobe der "Musik zukünftiger Raumschiffe", komponiert von Hamburger Schülern, hatte er mitgebracht. Zugleich warnte Friedrich davor, diesen Ansatz gleichzusetzen mit einem laxen "anything goes".

Matthias Handschick der u. a. im Rahmen von "Jugend komponiert Baden-Württemberg" mit Jugendlichen arbeitet, formulierte gar die provokante These "Zuviel  Toleranz schadet." Dass Kreativität sich gerade durch Begrenzung entfalten kann, ist auch die Erfahrung von Matthias Kaul und Astrid Schmeling vom Ensemble L’ART POUR L’ART, die gemeinsam die Kinderkompositionsklasse Winsen leiten: In dem Moment, wo das Tonmaterial auf wenige Töne beschränkt ist, rücken Dynamik und Rhythmus ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Als Schmeling etwa mit einer Kompositionsschülerin eine Reihe Schuhe im ganzen Haus aufgestellt hatte, wurde selbst das musikalische Mittel der Pause – "da passiert doch nichts" – als Abstand zwischen Halbschuh und Gummistiefel plötzlich sehr spannend.

Entscheidend für eine erfolgreiche kreative Arbeit, dies wurde in allen Vorträgen und Berichten deutlich, ist die Beziehung zwischen Lehrendem und Kompositionsschüler. Die zentrale Forderung des Symposions war deshalb, die Kompositionspädagogik als festen Bestandteil in die Ausbildung an den Musikhochschulen zu integrieren. Verschiedene Modelle, wo dies bereits erfolgreich praktiziert wird, wurden vorgestellt. Etwa an der Folkwang Hochschule Essen. Matthias Schlothfeld, Professor für Didaktik der Musiktheorie, berichtete, dass dort Kompositionslehre bereits fest im Curriculum verankert ist, und unterrichtspraktische Kompositionsprojekte den musiktheoretischen Unterricht ergänzen und vertiefen. Vorgestellt wurden auch Response-Projekte der Hochschulen Dresden und Frankfurt, in die sowohl Schulmusiker als auch Instrumentalisten im Rahmen ihres Studiums aktiv eingebunden werden.

Mit den Fachvorträgen und Diskussionen des Symposions wurde der Grundstein zu einer systematischen Kompositionspädagogik gelegt. Mit diesem starken Impuls zeigen sich die Jeunesses Musicales Deutschland und die Fachhochschule Osnabrück als Vorreiter der bildungspolitischen Debatte.

Seitens der Politik sehen sich Musikpädagogen jedoch immer wieder mit der Frage konfrontiert: "Warum sollten Kinder überhaupt komponieren?" Eine funktionale Antwort auf diese Frage kann es nicht geben. Nach Theodor W. Adorno, der in Osnabrück wiederholt zitiert wurde, bedeutet Komponieren gerade, "etwas tun, von dem ich nicht weiß, was es ist". Wer sich dennoch auf das Wagnis einlässt, Musik zu erfinden, erlebt den Flow, sich selbst ausdrücken und etwas gestalten zu können.

Diese Erfahrung in einer Kompositionsklasse, einem Schulprojekt zu Neuer Musik oder einem Wettbewerb hat sich in viele Biographien tief eingeschrieben. Einige Teilnehmer, die vor Jahren ihre ersten musikalischen Ideen beim Bundeswettbewerb Komposition der JMD eingereicht hatten und in der Kompositionswerkstatt Schloss Weikersheim zu Gast waren, konnten sich mittlerweile als Komponisten etablieren. Stellvertretend für viele seien Charlotte Seither, Enno Poppe und Benjamin Schweitzer genannt.

Aktuelle junge Klangkreationen und Kompositionen zu erleben gab es im Rahmen des Symposions sowie in den Konzerten des Nachwuchsfestivals Musik 21 Niedersachsen, das in Kooperation mit dem Symposion stattfand. Es erklangen Werke von Nachwuchskomponisten, die zwischen neun und siebzehn Jahre alt sind – ein beeindruckendes  Zeugnis dafür, wie groß das kreative Potential von Kindern und Jugendlichen ist, das es zu fördern gilt.

Eine umfassende Dokumentation wird in den nächsten Monaten erstellt.

Käthe Bildstein

 

Nach oben

replica mobile vertu vertu boutique copy vertu ferrari vertu mobile china preturi vertu ascent 2010 êîïèÿ vertu telephone china vertu phone replica vertu copy phones ferrari racetrack legends precio buy virtu phone